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Wie der Zodiakus täglich und jährlich um den Südpunkt pulsiert

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Rund 6 der 12 Tierkreissternbilder befinden sich immer über dem Horizont, z. B. vom niedrig über dem Horizont ziehenden SCHÜTZEN, über den STEINBOCK bis zum ZWILLING mit der höchsten Umlaufbahn (nach Schultz, 1963: 28).

Durchschnittlich befinden sich immer 6 Tierkreissternbilder über dem Horizont. Wenn eines im Osten aufgeht, verschwindet ein anderes im Westen. Versinkt heutzutage das niedrigste Sternbild SCHÜTZE, schwingt sich etwa zeitgleich die Konstellation ZWILLING zu seiner höchsten Umlaufbahn empor. Des Weiteren wird der STEINBOCK durch den im Zodiakus gegenüberliegenden KREBS ersetzt, der WASSERMANN durch den LÖWEN, etc. (siehe Abbildung).
Wegen der unterschiedlichen Aufgangsorte und Höchststände der jeweils 6 Tierkreisbilder verschiebt sich die Position und Größe des Tierkreisgürtels permanent. Und zwar nicht nur in der Höhe, sondern auch seitlich. Nun wird verständlich, wie der Zodiakus pulsiert.

Die schwingende Rotation des Tierkreises wird vor allem durch seine hellen Sterne in Horizontnähe offensichtlich

In unregelmäßigen Abständen tauchen das ganze Jahr über helle Sterne des Tierkreisgürtels über dem Horizont auf. Dabei erscheinen sie im Sommerhalbjahr immer nördlicher und im Winterhalbjahr immer südlicher. Durch diese Sterne wird besonders deutlich, dass sich mit der Seiten- und Höhenverlagerung des Tierkreises auch der Mittelpunkt des täglichen Umschwungs verschiebt. Aber diese Bewegung fällt erst nach einigen Tagen auf.

Vierteljährlich sind vor allem Verschiebungen am Horizont zu bemerken

Wenn man den Tierkreis in der Frühbronzezeit alle 3 Monate stets um Mitternacht beobachtete, dann sah man am Tag der Wintersonnenwende seine Steilstellung. In dem Moment stand ein Tierkreisbild im Osten und ein weiteres gegenüber im Westen. Von da an verformte sich der Zodiakus täglich, so dass er zur Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleichen die westliche Schrägstellung von Südost nach Nordwest erreichte. Danach zog er sich bis zur Sommersonnenwende zu einer zentralen Flachstellung über dem Südpunkt zusammen. Im Anschluss daran weitete sich sein Durchmesser erneut bis zum Herbst-Äquinoktium, wo sich die östliche Schrägstellung von Nordost nach Südwest ausformte. Und zuletzt kehrte er langsam wieder in seine zentrale Ausgangsposition zurück.

Diese stetig fließende Bewegung des Tierkreises wird in der folgenden Sternenkarte anhand jener vier Jahreseckdaten der Frühbronzezeit veranschaulicht. Zusätzlich zur Steilstellung wurden die drei anderen Extremstellungen der Ekliptik ergänzt. Damals lag der Wintersonnenwendepunkt zwischen KREBS und LÖWE. Heutzutage befindet er sich zwischen STIER und ZWILLING.

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Die vierteljährlichen Stellungen der Ekliptik (rot), welche die Mittellinie des Tierkreisgürtel bildet und somit den Jahreslauf der Sonne anzeigt. – Der Zodiakus pulsiert um den ruhenden Himmelsäquator (blau) mit dem Südpunkt als Zentrum. Zusätzlich zur Steilstellung des Tierkreises wurden die drei anderen Extremstellungen der Ekliptik ergänzt, die jeweils 3 Monate später etwa zur gleichen Nachtzeit zu sehen waren.

Die täglich gleichen Verschiebungen sind dagegen nur teilweise sichtbar

Hinzukommt, dass sich das komplette Bewegungsmuster des Tierkreises gleichfalls innerhalb von einem Viertel Tag, also im Abstand von 6 Stunden, vollzieht. Jedoch werden tagsüber die Sterne vom Sonnenlicht überstrahlt. Sah oder sieht man zur Mitte der Nacht die Steilstellung, kann man am Morgen die westliche Schrägstellung wahrnehmen sowie theoretisch am nächsten Mittag die Flachstellung und gegen 18 Uhr die östliche Schrägstellung.
Das liegt daran, dass die Ekliptik diese rhythmisch pulsierende Bewegung innerhalb von rund 23 Stunden und 56 Minuten durchläuft.

Diese zeitliche Differenz von 3 Minuten und 56 Sekunden zwischen der Sternenzeit und einem Sonnentag ist für die tägliche Verschiebung des Tierkreises verantwortlich. Folglich addieren sich die Minuten innerhalb von einem Monat auf knapp 2 Stunden, in einem Vierteljahr auf 6 und im Laufe eines ganzen Jahres auf 24 Stunden. Das bedeutet, dass die Sterne in einem Zeitraum von 365 Sonnentagen 366mal auf- und untergehen.

Alle Bewegungsmuster des Tierkreises zusammengefasst

Einerseits dreht sich die Erde an einem Tag um ihre eigene Achse. Deshalb beschreiben die Tierkreissternbilder konzentrische und parallel verlaufende Kreisbögen um den Südpunkt. Ihre Aufgangsorte liegen im Osten, über dem Südpunkt des Horizontes erreichen sie im Meridian ihren Höchststand und im Westen verschwinden sie wieder am Horizont. Somit vollführt der Tierkreis, wie für alle unterläufigen Fixsterne zutreffend, einen täglich westwärts gerichteten Umschwung.

Andererseits umrundet unser Planet zusätzlich in einem Jahr die Sonne. Daher scheint unser Tagesgestirn täglich, in Bezug zur Ekliptik, eine Strecke von circa einem Längengrad in entgegengesetzter Richtung zurückzulegen; 360° in 365 Tagen. Aus diesem Grund wurden die Bewegungsabläufe der wandelnden Gestirne und demzufolge auch vom Tierkreis ostwärts betrachtet.
Dieser Sachverhalt wurde durch eine zylindrische Projektion des gesamten frühbronzezeitlichen Sternenhimmels dargestellt. Denn in dieser Sternenkarte pendelt die scheinbare Bahn der Sonne, welche der Mittellinie des Tierkreises entspricht, um den Himmelsäquator. Da die Erdachse um 23,5° geneigt ist, erhebt sich der Tierkreisgürtel jeweils über eine Strecke von 180 Längengraden über und unter dem Äquator. Diese halbjährliche Höhenschwankung des Zodiakus beträgt auf Grund der Neigung der Erdachse überall 2 x 23,5° = 47°. Von einem Standdort auf dem 51. Breitengrad schwingt er zwischen einer Flachstellung 15,5°und einer Steilstellung 62,5°über dem Südpunkt.

Außerdem erlangt der Tierkreis neben einer Flach- und Steilstellung auch eine östliche und westliche Schrägstellung. Zwischen diesen vier Extremstellungen vergehen täglich 6 Stunden oder jährlich zur selben Uhrzeit betrachtet je 3 Monate.

Die 4 Extremstellungen des Tierkreises

1. Phase neu

Die scheinbare Bahn der Sonne oder die Ekliptik verläuft in der Mitte des >Tierkreisbandes<. Sie verschiebt sich täglich zur selben Zeit betrachtet um vier Minuten, wodurch man im Laufe eines Sonnenjahres an den vier >Jahreseckpunkten< auch ihre vier Extremstellungen beobachten kann.  

Diese Extremstellungen konnten, besser als an der Sonne (weil in vielen klaren Nächten und nicht nur an wenigen Tagen), anhand jeweils eines hellen, ungefähr zeitgleich sichtbaren Sternenpaares aus zwei Tierkreisbildern erkannt werden (hier durch orangene Linien verbunden).  Ein Stern zeigte im Osten den Anfang und ein Anderer das westliche Ende der Ekliptik an.

Um 1950 v.Chr. konnte in Mitteldeutschland in den Nächten um die Solstitien, in der Nähe der Visurpunkte der Sonnenauf- und Untergänge am Horizont, entweder die östlich oder westliche Schrägstellung der Ekliptik, durch jeweils ein zeitgleich sichtbares südliches und nördliches Sternenpaar beobachtet werden. In der Frühbronzezeit standen sich am Horizontkreis diagonal gespiegelt gegenüber: Deneb Algedi / Steinbock + Regulus / Löwe sowie Pollux / Zwillinge + Nunki / Schütze.

An den Äquinoktien standen nachts zeitgleich je zwei helle Tierkreissterne nahe der Ekliptik ziemlich genau über den Ost- und Westpunkten. Diese waren nur einen kurzen Moment lang an horizontal gespiegelten Horizontpunkten zu sehen. Damals zeigten folgende Sterne die Hoch- oder Flachstellung der Ekliptik an: Spica / Jungfrau + Hamal /Widder sowie Hamal / Widder + Zubenelgenubi /Waage.

Somit symbolisieren diese Sternenpaare alle Extremstellungen des Tierkreises, die aber auch in anderen Nächten zu sehen waren.

Mehr dazu: Sterne in Ekliptiknähe

 

 

Procyon zeigt den Himmelsäquator an

Um 1950 v. Chr. zeigte der komplette Ostwestbogenlauf des Procyon etwa die Halbierung der Himmelskugel, eine mittlere Zeitgrenze und er hatte etwa denselben Lauf wie der mittlere Tagesbogen der Sonne an den Tag-und-Nacht-Gleichen, an. Der Großkreis des Himmelsäquators scheint demnach bekannt gewesen zu sein.

Somit ist auf der Himmelsscheibe von Nebra der Himmelsäquator die vierte besondere und unsichtbare >Bogen-Linie< am Himmel, die dem Schöpfer der Himmelsscheibe bekannt war.  Doch die drei Linien, die sich durch die vier Extremstellungen des Ekliptikbogens ergeben und um die die Sonne, der Mond und die Planeten vor dem Tierkreishintergrund wandern, waren sicherlich die spannendsten.

Da an der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche vor allem die Sonnenauf – und Untergänge beobachtet wurden, war vermutlich auch bekannt, dass die Sonne an diesem Tag etwa unterhalb der Plejaden, im Tierkreisbild >Stier<, stand. Allerdings konnte man die Plejaden nicht sehen, da sie der strahlenden Sonne zu nahe standen. (Die lichtschwachen Plejaden sind laut Prof. Wolfhard Schlosser erst sichtbar, wenn diese 5° über und die Sonne 15° unter dem Horizont steht. Also Wochen vor der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche.)
Doch wenn die damaligen Sternenkundigen auch die Reihenfolge der hellsten und auffälligsten Sterne entlang des Großkreises des Himmelsäquators kannten (und eventuell auch etwa deren Abstände vermessen haben), könnten sie anhand dieser Sterne den Stern ermittelt haben, der an diesem Tag in direkter Sonnennähe stehen musste.
Somit könnte auch der Frühlingspunkt als Kreuzungspunkt der beiden Großkreise (Ekliptik und Himmelsäquator) bekannt gewesen sein.

Gibt es eine schönere Deutungsmöglichkeit für die goldenen Sterne auf der Himmelsscheibe, als diese, die den gesamten Himmel in all seinen unterschiedlichen Bewegungsabläufen darstellt?

Mehr dazu: Die Mittellinie des Sternenhimmels


Stonehenge: Die Mondwenden mit Finsternisvorhersagen

In Stonehenge konnte man, laut Dr. G. S. Hawkins, vom Mittelpunkt aus über den Steinen, die vermutlich einmal in den Löchern D und F standen, bei Mondaufgang die großen und kleinen nördlichen Mondwenden beobachten. Diese absoluten Extremstellungen treten alle 9,3 Jahre auf.

Mondwenden und Finsterniserscheinungen über dem Heelstone„Beobachtete ein Astronom nun vom Mittelpunkt aus die Mondwenden über den Steinen D und F, wird er über Jahre hinweg mehrmals Mondfinsternisse erlebt haben.
Diese Zeichnung nach Dr. G. S. Hawkins zeigt exemplarisch wie in Stonehenge Mond- und Sonnenfinsternisse, für einen Zeitraum von etwa 300 Jahren, über dem Fersenstein oder Heelstone zur Sommersonnenwende und den Steinen D + F zur großen und kleinen Mondwende, scheinbar stehen blieben. Es könnten natürlich zu anderen Zeiten genauso die Sonnenfinsternisse über den Steinen D + F eintreten und die Mondfinsternisse über dem Heelstone oder jeweils dazwischen, aber immer auffällig beieinander. Die Finsternisse standen oft einige Jahre lang in der Nähe der Markierungssteine scheinbar still, bis sie sich doch ganz langsam zwischen den Steinen verschoben. Die Erbauer von Stonehenge könnten durch jahrelange Aufzeichnungen einen Zahlenwert ermittelt haben mit dem sie die Finsternisse ungefähr vorhersagen konnten.” [1]
Mondfinsternisse treten nur ein, wenn sich Vollmond und Sonne in den Mondknoten gegenüber stehen und Sonnenfinsternisse nur, wenn der Neumond vor der Sonne in demselben Mondknoten steht. Die räumliche Verschiebung liegt an der Wanderung der Mondknoten auf der die Ekliptik in 18,6 oder 2x 9,3 Jahren.

Wollten die Himmelsbeobachter die Mondwenden, die zeitlich auch mit dem Erscheinen vo9,10,9,9,10n Finsternissen verbunden sind, in ganzzahligen Jahren mitzählen, kam die Zahlenfolge 9-9-10 dem Wert von 9,3 Jahren am nächsten.

Nach Hawkins Theorie wurde in Stonehenge schon um 2550 v. Chr. an den 56 Aubrey-Löchern mit Markierungssteinen die Zahlenfolge 9-9-10-9-9-10 festgehalten, um mögliche Finsternisse zwischen den Steinen D und F zu verfolgen.

Auch die Himmelsscheibe von Nebra könnte, zusätzlich zum Zählkalender, das Wissen um die Ermittlung von ungefähren Finsterniszeiträumen beinhalten. Denn in die beiden Horizontbögen sind jeweils 9 Löcher und am leeren >Randviertel< der Bronzescheibe 10 Löcher gestanzt worden.
Damit war auch hier eine fortlaufende Zählung 9, 10, 9, 9, 10, 9, 9, 10, … sichtbar gegeben.
Vermutlich wollte der Verantwortliche für diese Randlochungen, durch die Anzahl und Anordnung der Löcher in Zahlengruppen, wieder möglichst viele seiner astronomischen Erkenntnisse zeigen.


[1] Zeichnung und Text: Rolf Müller (1989 ), “Der Himmel über dem Menschen der Steinzeit”, Finsternisse in Stonehenge über den Steinen D + F

Mehr dazu: Mondwenden und die Finsterniserscheinungen