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Ein Zählkalender

In der 4. Herstellungsphase wurde die Bronzescheibe am Rand, mit allen dort angebrachten Goldbögen, in etwa gleichen Abständen durchlocht. Diese Löcher könnten aber auch für Markierungen, durch Fäden, Draht oder Zeichen am Rand, genutzt worden sein, um die Tage und Mondmonate eines Sonne-Mond-Jahrs zu zählen. Sie sind durch die Horizontbögen in 9, 11, 9, 10 Einheiten eingeteilt.

Da die Wintersonnenwende schon vor der Bronzezeit in der Kreisgrabenanlage von Goseck / Sachsen-Anhalt beobachtet wurde und ein Kalenderbeginn, durch die vorherigen Erkenntnisse zum Sonnenbogen  einfacher am Anfang eines >Lochabschnitts< der Himmelsscheibe beginnt, legen wir für den nachfolgenden Zählkalender den Kalenderbeginn, wie heutzutage, auf den 1. Januar, 11 Tage nach der Wintersonnenwende.
Die Löcher am Rand der Himmelsscheibe könnten als Zählkalender genutzt worden sein.
Am ersten Tag stecken wir eine rote Nadel in das erste Loch unten am noch vorhandenen Horizontbogen. Jeden Tag wandert die Nadel ein Loch weiter hinauf. Nach diesen 9 Tagen folgen die 11 Tage um den Sonnenbogen und wieder 9 Tage den fehlenden Horizontbogen hinunter. Da aber ein Monat 29,5 Tage hat, müssen wir zusätzlich zur Nadel vom 29. Tag mit einer blauen Nadel, am bisher ungenutzten unteren Rand mit den 10 Löchern, den fehlenden halben Tag festhalten. Für einen ganzen Mondmonat stecken wir nun eine grüne >Monatsnadel< in das erste Monatsloch, links nach dem oberen Ende des goldenen Horizontbogens.
Jeden 2. Monat werden, nach 29,5 Tagen, die zwei blauen Nadeln der halben Tage entfernt und als zusätzlicher Tag gezählt. Der 2., 4., 6., 8. und 10. Monat hat also 30 Tage, wodurch die Lichterscheinungen des Mondes immer gleich bleiben. Es ist also auch möglich Vollmond, Halbmond oder Neumond im ersten Monat mit einer eigenen Markierung zu versehen, da sie für ein Sonnenjahr gültig bleiben.
Auf diese Weise setzen wir die Nadeln weiter bis die Monatsnadel im elften Loch steckt und 6x 29 + 5x 30 Tage, also 324 Tage, vergangen sind. Unser 21. November wäre damit der Beginn des 12., des dunkelsten, Monats.
Da aber für den zwölften Monat kein Loch mehr in der Nähe des Sonnenbogens vorgesehen ist, muss er aus 30 Tagen zuzüglich der 11 fehlenden Tage zum Sonnenjahr gezählt werden. Für diese 41 Tage bieten sich zwei Steckmöglichkeiten an. Entweder zählen wir die Monatstage zuzüglich des 30. Tags, wie gewohnt und ergänzen die 11 Monatslöcher als Tage. Oder wir folgen dem westlichen Ende des äußeren Kreisbogens des Sonnenbogens, über die dunkle Scheibe, zum unteren Ende des westlichen Horizontbogens. Dort zählen wir zuerst die 10 dunkelsten Tage am unteren Rand der Bronzescheibe in Richtung Sonnenaufgang, wandern 9 Tage lang den Morgendämmerungsbogen hinauf und beenden den Monat mit den 11 Tagen oberhalb des Sonnenbogens. Der letzte Tag der Mondmonate entspricht bei dieser Zählweise der Wintersonnenwende, von dem aus die 11 zusätzlichen Tage zum Sonnenjahr noch einmal beim Sonnenbogen gezählt werden. An diesen Tagen könnte die Vollendung des Jahres und der Sieg der Sonne über die Dunkelheit gefeiert worden sein. Vielleicht wurden diese Feiern durch Opfergaben begleitet, in Dankbarkeit für das letzte und mit Bitten für das neue Sonnenjahr. Nach den Feiertagen wurden die Tage wieder länger. Die Sonne hatte über die Dunkelheit gesiegt! Die 11 zusätzlichen Tage können dem alten oder dem neuen Jahr zugerechnet worden sein. Entweder begann das neue Jahr zur  Wintersonnenwende oder am >1. Januar<.

Folgende babylonische Schaltregel ist für den mitteleuropäischen Sternenhimmel der Bronzezeit anerkannt:
Rahlf Hansen (Planetarium Hamburg) vermutet, dass mit der Himmelsscheibe eine Verknüpfung von Mond- und Sonnenkalender mit Hilfe eines Schaltsymbols erfolgt: „ … Ein Sonnenjahr dauert 365,2422 Tage und ein Mondjahr ist 11 Tage kürzer als das Sonnenjahr. Um zu verhindern, dass das Jahr durch die Jahreszeiten >wandert<, schaltete man aber keine Tage, sondern Monate ein. In frühen Zeiten erfolgte diese Schaltung wenn der Kalender zu weit aus dem Takt war. Die Schaltregel mit der dicken Mondsichel bei den Plejaden war damals ein schönes Schaltsignal. Es wurde also nicht nach einer festen numerischen Regel geschaltet, sondern nach >Sicht<.
Die Himmelsscheibe zeigt eine Darstellung des Mondes bei den Plejaden. Der Mond steht im Frühjahr bei Neulicht als sehr schmale Sichel bei den Plejaden. Durch die Differenz von Sonnen- und Mondjahr wird bei Zählung der Monate die Sichel im Laufe der Jahre im März bei den Plejaden immer dicker. Auf der Scheibe findet sich eine Darstellung dieser >zu dicken< Mondsichel bei den Plejaden. Dies ist ein Zeichen, dass ein Monat hinzuzufügen ist. Statt, wie wir es gewohnt sind, in vier Jahren einen Schalttag einzufügen, wurde so ca. alle drei Jahre ein ganzer Schaltmonat eingefügt.“ [1]


[1] Rahlf Hansen, Die astronomische Deutung der Himmelsscheibe, www.planetarium-hamburg.de/sterne/nebra/

Mehr dazu: Die Löcher   und   Sonnen- und Mondkalender