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Stonehenge auch ein Zählkalender?

Die Blau- und Sarsensteine von Stonehenge wurden 2300-1930 v. Chr. errichtet. [1]
Eine gründliche Untersuchung verweist vielmehr auf eine spätere Datierung.  Es kann sein, dass die Errichtung der Sarsensteine in die Frühbronzezeit um 1750-1600 v. Chr. gehört und tatsächlich zeitgenössisch mit der Himmelsscheibe von Nebra ist. [2]

Folgende markante Himmelserscheinungen sind in Stonehenge in Szene gesetzt worden:

Stonehenge Sarsentrilithen mit VisierachsenIn der Abbildung [4] sind die Blausteine blau und die Sarsensteine rot dargestellt, wobei die heute noch an ihrer Stelle befindlichen Steine dunkler sind.

Die Hauptachse der Steinsetzungen im Inneren des Walls verläuft, wenn man im Mittelpunkt der Anlage steht, im Nord-Osten über den Fersenstein in Richtung Sonnenaufgang am Tag der Sommersonnenwende oder vom Zentrum in Richtung Süd-West zum Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende.

Die Sarsen- und die Blausteine repräsentieren vor allem auch ein reines Sonnen-und Mondjahr (12×30 = 360 + 5; 6×59 = 354 Tage), sowie je ein Lunisolarjahr (254 + 11).
Die Sarsensteine wurden aus den Marlborough Downs, ungefähr 30km nördlich von Stonehenge, geholt. Ursprünglich hatten sie bei ihrer Errichtung einen natürlichen rötlichen Schimmer, was auf einen Bezug zur Sonne hinweisen könnte. Die Blausteine stammen alle aus einem Quellgebiet in den Presli-Mountains, im Westen von Wales, etwa 240km von Stonehenge entfernt. Sie könnten in der Anlage Mondeigenschaften symbolisieren, da der Mond, wie alle Menschen in Südengland sicherlich wussten, einen sichtbaren Einfluss auf das Wasser, die Gezeiten, hat. Den grünlichen Altarstein holten die Erbauer von der Küste bei Milford Haven in Pembrokeshire (Südwales), was wiederum einen direkten Bezug vom Meer zum Mond herstellt.
Wärme, Licht und Wasser, symbolisch Sonne und Mond, sind die Grundlage für alles Leben auf der Erde.

Ein reines Sonnenjahr konnte an den 30 Sarsensteinen in ganzen Tagen eines aufgerundeten Monats gezählt werden. Da hier kein Stein auf der Hauptachse steht und auch keine Anfangsöffnung vorhanden ist, zählte man fortlaufend 12 x 30 Sonnentage und ergänzte diese 360 Tage mit den 5 Trilithenpaaren, um das Sonnenjahr zu vollenden. Auf den Altarstein, der mittig vor beiden Hufeisen, auf der Achse und fast im Zentrum der Anlage stand, fiel zur Sommersonnenwende direkt das Licht der aufgehenden Sonne und vielleicht war dies der Jahresanfang.

Ein reines Mondjahr begann an der breiteren Öffnung in Blausteinkreis, die etwa mittig gegenüber den beiden hufeisenförmigen Steinformationen liegt. Da der 30. Blaustein auffälligerweise direkt hinter dem höchsten »Trilithentor« und mit dem Altarstein auf der Hauptachse steht, wodurch er scheinbar halbiert wird, mussten hier eher die 59 Zwischenräume gezählt worden sein. Jeden Tag wurde ein Markierungsstein eine Öffnung weitergesetzt. Nach 6x 59 oder 354 Tagen begann ein neues Mondjahr, das sich jährlich um 11 Tage versetzt durch die Jahreszeiten verschob. Da in diesem Kalender nur der 1. Vollmond am Jahresanfang in Szene gesetzt werden konnte, könnten auch die Tage der Mondwenden und die Mittelstellung über dem Altarstein als Festtage in Frage kommen. Dies wären dann in einem Jahr ebenfalls fünf Feiertage.

Für ein gebundenes Mondjahr oder Lunisolarjahr gab es mindestens zwei Möglichkeiten:
Entweder fing man an der breiteren Öffnung des Blausteinkreises an, zählte die »Mondsteine« im Kreis, 6x 60, und vereinte das Mondjahr mit dem Sonnenjahr durch die Hinzunahme der 5 »Sonnen-Trilithen«.
Es war aber auch möglich wie zuvor sechsmal die 59 Zwischenräume der Blausteine zu verwenden, zu denen dann die einzelnen 10 »roten« Sonnensteine des großen Hufeisens ergänzt wurden und vollendete das Jahr mit dem »grünen« Altarstein. Diese Kalenderzählung passt recht gut zur Himmelscheibe von Nebra, wo das Jahr mit der Wintersonnenwende oder nach den folgenden 11 zusätzlichen Tagen begann. Bei der Einführung dieses Lunisolarkalenders könnten die jeweils 5 Feiertage des gebundenen Mond- und Sonnenjahres zuzüglich eines gemeinsamen Tages zu Festtagen erklärt worden sein.

Alle Kalendersysteme mussten an den Tag-und-Nacht-Gleichen auf ihre Genauigkeit überprüft werden und alle 4 Jahre war ein zusätzlicher Schalttag nötig. Diese Sonnenstellungen könnten beispielsweise laut Gerald Stanley Hawkins anhand der Ortungslinien über den Positionssteinen 93 und F, oder 94 und B, erfolgt sein. [5]

Somit war vielleicht für zwei verschiedene Glaubensrichtungen im Volk, für die Sonnen- und Mondanhänger, ein gemeinsamer heiliger Ort geschaffen worden, an dem der Jahreslauf den jeweiligen »Religionen« entsprechend gezählt und die Tage zwischen beiden Kalendersystemen zusammen gefeiert werden konnten.


[1] Julian Richards: Stonehenge. English Heritage. 2005
[2] Richard J. Harrison. Stonehenge in the Early Bronze Age. In: Harald Meller / Francois Bertemes (Hrsg.), Der Griff nach den Sternen – Wie Europas Eliten zu Macht und Reichtum kamen. Internationales Symposium in Halle (Saale), 16.-21. Februar 2005. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, Band 5/1/2010: S. 973-987.
[3] aus dem Film: Stonehenge – Sternenkult der Steinzeit, NDR 2003
[4] ergänzte Zeichnung aus “Stonehenge und benachbarte Denkmäler”, R.J.C. Atkinson, 1987, English Heritage
[5] Rolf Müller. Der Himmel über den Menschen der Steinzeit. Abbildung S. 54

Mehr dazu: Stonehenge und Sonnen- und Mondkalender