Die Grablegung des Fürsten von Leubingen

„Vergleicht man die Funde aus der Frühbronzezeit mit der Kombination der Objekte aus Nebra, so fällt eine enge Übereinstimmung mit dem mehr als 300 Jahre älteren Fürstengrab von Leubingen auf. Dieser weithin sichtbare Großgrabhügel befindet sich etwa 30 Kilometer entfernt vom Fundort der Himmelsscheibe” (Meller 2005; [1]).

Abb. 1: Die Grabkammer im Leubinger Fürstenhügel

Abb. 1: Die Grabkammer im Leubinger Fürstenhügel

„Der Fürst von Leubingen wird auf Grund der Schmiedeutensilien, die seinem Grab beilagen, mit der Bronzeverarbeitung in Verbindung gebracht. Sein Todesjahr: 1.942 v.Chr. Dieser Mann hatte die Kenntnisse oder Fähigkeiten die Himmelsscheibe von Nebra herzustellen oder herstellen zu lassen” (Terra X, 2007; [2]).

Die Bestattung in diesem Grabhügel wurde von Prof. Dr. Friederich Klopfleisch (1877) folgendermaßen beschrieben: „In der Längenrichtung von Süden nach Norden lag in der Mitte des Dielenfußbodens ein menschliches Skelett ausgestreckt, das von einem Greise herrührte. Quer über der Mitte oder Hüftgegend dieses Skeletts lag kreuzweise ein anderes, das aus den Beigaben als weibliches zu erkennen war, und das von einem jugendlichen Individuum im Alter von etwa 10 Jahren herrührte, . . .
An derselben Stelle wie diese Dolchstabklinge, mit ihr gekreuzt, lag eine Dolchklinge, und weiter oberhalb, schon nahe dem rechten Knie fand sich noch ein Paar gekreuzter Dolchklingen.

Abb. 2: gekreuzte Gewandnadeln

Abb. 2: gekreuzte Gewandnadeln

Die goldenen Gewandnadeln hingegen lagen, über der Kreuzungsstelle mit dem kindlichen Skelette, also über der Hüftgegend, auf den gekreuzten Körpern der Hauptrichtungen” (Höfer 1906; [3]).
Zu den Gewandnadeln zeichnete Klopfleisch die linke Skizze mit dem dazwischen befindlichen Spiralröllchen.

Für die kreuzweise bestatteten Menschen und die drei gekreuzten Grabbeigaben könnte man, aufgrund der Erkenntnisse aus dieser Theorie zur Himmelsscheibe von Nebra, zu folgenden astronomischen Interpretationen kommen: Die Positionen der bestatteten Körper könnten die vier Haupthimmelsrichtungen symbolisieren, jene imaginären Linien, die sich auf der Erdoberfläche immer im Zentrum des Horizontkreises kreuzen, also sozusagen die durch den Beobachter verlaufenden Nordsüd- und Ostwestlinien. Die beiden gekreuzten Dolchpaare und die diagonal gekreuzten Gewandnadeln könnten für den Ostwestbogen des Himmelsäquators und die dazu rechtwinklige Zenit-Linie, sowie für die Hoch- und Flachstellung des Tierkreises beiderseits der Ekliptik, zu den Tag-und-Nacht-Gleichen und die westliche und östliche Extremstellung des Tierkreises zu den Sonnenwendterminen stehen.

Der Fürst verkörpert die Hauptrichtung und nur durch einen weiteren Toten, in dem Fall ein Kind, das aufgrund seiner goldenen Ausstattungsgegenstände mindestens dem gehobenen gesellschaftlichen Stand angehörte, konnte die zweite Hauptrichtung veranschaulicht werden. Ein Dolch, quer über den Körper des Fürsten gelegt, wäre nie so aussagekräftig gewesen, als dass es sich um zwei ähnlich wichtige Linien handeln könnte. Aber zwei gekreuzte und gestreckte Körper müssten einen Betrachter zur Suche einer doppelten, gleichwertigen und wichtigen Aussage bewegen können.
Zudem wurden die Menschen in der Frühbronzezeit eigentlich nur in seitlicher Lage mit angewinkelten Armen und Beinen, als sogenannte >Hocker<, bestattet.

Die Bedeutung der Symbole der Himmelsscheibe könnte durch diese ungewöhnliche Bestattungsformwar vom vermutlichen Schöpfer an einen neuen Herrn der Himmelsscheibe weitergegeben worden sein, denn sonst hätten die Lebenden nicht versucht, die wichtigen Himmelslinien durch vier Kreuzstellungen anzudeuten. Die Nachwelt sollte, falls sie das Grab einmal öffnet, durch die ganz einmalige, besondere Grablegung im Idealfall einen Bezug zur Himmelsscheibe oder aber zumindest zu einem Himmelskundigen herstellen können.

Vermutlich hatte der neue Herr der Himmelsscheibe einen Vertrauten seiner Wahl, denn zur Vermessung von Gestirnen sind immer zwei Menschen nötig. Daher könnte das Kind, das vielleicht der Helfer des Fürsten war, geopfert worden sein, wodurch zugleich das geheime Wissen geschützt würde. Der oder die Bestatter wussten was sie taten, wobei ich mir von Herzen wünsche, dass das Kind eines natürlichen Todes gestorben ist. Dies ist aber nicht unbedingt realistisch, da einige archäologische Funde aus Mittedeutschland auf Menschenopfer und sogar möglicherweise auf Kannibalismus, in der Frühbronzezeit, hinweisen. Zudem wurde der Fürst als alter Mann bezeichnet und es ist möglich, dass der Fürst somit aufgrund seines hohen Alters gestorben war. Aber es erscheint unwahrscheinlich, dass dann ein Kind im Alter von rund 10 Jahren zufällig in derselben Zeit eines natürlichen Todes starb.

Gibt es eine schönere Deutungsmöglichkeit für die goldenen Sterne der Himmelsscheibe, als dass diese den gesamten Himmel in all seinen unterschiedlichen Bewegungsabläufen darstellen könnten?

Wie würden Sie auf einem DinA4 Blatt Zirkumpolarsterne mit einem sternenlosen Nordpol, den Tierkreis, Jahreszeiten- und Zeitsterne, Wandelsterne, Sonne und Mond mit möglichst wenigen Elementen zeichnerisch darstellen?

Auf jeden Fall war das Wissen über die Himmelsabläufe in der Bronzezeit in Mitteldeutschland schon viel größer, als wir bisher angenommen haben. Es hatte sich zu einer richtigen Wissenschaft mit Aufzeichnungen, Rechnungen, Längenangaben, Winkeln und Zeiteinteilungen entwickelt.


[1]  MELLER, Harald. 2005. Der Körper des Königs. Der geschmiedete Himmel. Herausgeber Harald Meller.
[2]
www.terra-X-zdf.de: Herr der Himmelsscheibe 2007
[3]
Prof. Dr. Höfer. 1906.
Der Leubinger Hügel. Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder, 5. Band.
Abb. 1 + 2: PROBST, Ernst. 1996. Deutschland in der Bronzezeit.

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