Die beiden Randbögen

„In der 2. Herstellungsphase kamen die Randbögen hinzu. Technische Untersuchungen zeigen, dass diese von einem anderen Handwerker angebracht wurden, der sein Werkzeug anders führte, eine andere Handschrift hatte. Um Platz für die Randbögen zu schaffen, mussten einige Sterne versetzt werden. Zwei Vorritzungen der versetzten Sterne lassen sich auf einem Röntgenbild deutlich erkennen, eine weitere befindet sich neben dem heute fehlenden Randbogen. Sie wird durch einen neuen Stern überlagert.“ [1] In der Tauschierrille des fehlenden Horizontbogens ist sogar noch ein Teil des früheren Sternes, in Form von einem kleinen eingeklemmten Goldstückchen, zu erkennen.
„Mit einem neuen geochemischen Verfahren wurde 2010 nachgewiesen, dass das Gold entgegen ursprünglicher Vermutungen aus Cornwall stammt. Der Horizontbogen und der versetzte Stern enthalten mehr Zinn als die anderen Goldobjekte. Sie wurden also zeitgleich angebracht und der Stern vermutlich versetzt.“ [2]

Ob nun zwischen den beiden ersten Herstellungsphasen viele oder nur wenige Jahre langen, ein Besitzer- und vielleicht auch ein Ortswechsel stattgefunden hat oder ob nur sehr wenig Gold nach Mitteldeutschland gelangte, so dass das Material nur für die Gestirne des Nachthimmels ausreichte, bleibt ungewiss.
Vielleicht waren sogar schon in der ersten Phase die äußeren Tauschierungsgräben der Horizontbögen in die Bronzescheibe gemeißelt worden, denn einer geht noch über das vorhandene Goldblech hinaus? In dem Fall hätten keine Sterne, für die Ergänzung der am Nachthimmel >unsichtbaren< Sonnenauf- und Untergangsorte, versetzt werden müssen. — Vielleicht wurden
beispielsweise erst nach einer weiteren Überlegungszeit, einer genaueren Kontrolle der östlichen Sonnenwendpunkte oder nach einer neuen Goldlieferung die Horizontbögen mit Goldblech tauschiert.
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In der 2. Herstellungsphase wurden zwei randliche Goldbögen ergänzt.Die beiden Randbögen symbolisieren, wie wir gleich erfahren werden die Sonnenauf- und untergänge am Horizont. Deshalb muss die Scheibe um 180° gedreht werden, was später, vor allem in der 3. Phase, durch die Bedeutung des Sonnenbogens deutlich wird. Nun scheinen zum Bildinhalt des Nachthimmels die sichtbaren Bewegungen des Taghimmels, der Sonne, ergänzt worden zu sein. Deutlicher wird diese Aussage wenn in der 4. Herstellungsphase ein weiterer Sonnenbogen hinzugefügt wird.
Aber nun folgen zuerst andere Interpretationen.

Prof. Wolfhard Schlosser hat erkannt, dass die randlichen Objekte der Himmelsscheibe von Nebra die Pendelbereiche der Sonne darstellen.
Die beiden randlichen Objekte, von denen nur eines erhalten ist, deuten wir als sogenannte Horizontbögen, sie zeigen die Pendelbereiche der Sonne. Hält man die Scheibe horizontal, so bezeichnet der rechte Bogen den Bereich, innerhalb dessen die Sonne während eines Jahres aufgeht: am oberen Rand am 21. Juni und am unteren Rand am 21. Dezember. Entsprechendes gilt für die linke Seite, die Seite der Sonnenuntergänge. Aus den 29 Randlöchern und unkorrodiert erscheinenden Randpartien wurde der Scheibenmittelpunkt M abgeleitet. M liegt etwas unterhalb des Kreuzungspunktes der Verbindungsgeraden der Enden der Horizontbögen AC und BD. Der Winkel von M nach C und D ist etwa 5 – 6 Grad kleiner als nach A und B; er entspricht dem optisch wahrgenommenen Unterschied der Sonnenauf- und Untergänge. Aus astronomischer Sicht würde das bedeuten, dass auf der Scheibe Norden oben und Süden unten ist. Aus dem Winkel der Horizontbögen von 81 – 82 Grad ergibt sich eine geografische Breite für den optimalen Nutzungsort der Himmelsscheibe. Sie verläuft etwa durch Magdeburg (52. Breitengrad), liegt also leicht nördlich vom Fundort.“ [3]
Anmerkung:
Die Winkel zeigen mit 81 – 82 Grad eine nur für diesen Breitengrad gültige Morgen- und Abendweite an, denn je nördlicher man reist umso größer und je südlicher desto kleiner werden sie und somit hätten auch die Horizontbögen eine andere, dementsprechende Länge.

Durch die Horizontbögen lassen sich laut Prof. Wolfhard Schlosser exakte Himmelsrichtungen festlegen, die alle unsere bisher ermittelten Richtungen vertauschen. Norden mit Süden und Osten mit Westen. Der einzige plausible Grund dafür könnte in der Ergänzung ausgesuchter Elemente liegen, die die Bewegungen des Taghimmels versinnbildlichen. Wenn die Sonne am Tage überm Himmelsrand steht, ist die Nacht mit den Sternen in der anderen Himmelshälfte. Deshalb könnte für die neuen Symbole des Taghimmels die Bronzescheibe um 180° gedreht worden sein, womit die Goldelemente des Nachthimmels nun wegzudenken sind. Jetzt zählt nur die Sonnenbeobachtung im Pendelbereich der Auf- und Untergänge, die anhand der Horizontbögen hervorragend die bisherigen Bildinformationen ergänzen.

Harald Gränzer hat bei der Entwicklung seiner Theorie zur Himmelsscheibe von Nebra, >Das goldene Tor der Ekliptik<, folgende Beobachtung gemacht: „Die beiden Horizontbögen der Himmelsscheibe von Nebra werden jeweils an ihren beiden Enden durch deutlich lineare Abschlüsse begrenzt. Diese linearen Begrenzungen weisen alle deutlich in eine einzige Richtung. 2. Phase MondwendenDie einzige Ausnahme bildet der nördliche Abschluss des östlichen Bogens, der in drei linearen Begrenzungen abschließt.“ [4]
Auch wenn die Linien durch die kurzen Bogenenden der beiden Horizontbögen sich leicht variabel ziehen lassen, lässt sich nicht leugnen, dass sie alle in der Hauptrichtung auf die Kreisscheibe zeigen. Dies könnte eine Hilfestellung sein, damit wir in den Randbögen auch die Sonne erkennen. – Zugleich begrenzen die hier rot eingezeichneten Linien in etwa unsere >Ekliptiksterne<, die Planeten und die Mondsichel. Damit wird noch einmal deutlich, dass die Sonnenauf- und Untergangsorte auch ungefähr den Auf- und Untergängen dieser Gestirne entsprechen, die aber alle ein wenig und jeder
individuell um die Sonnenorte pendeln.

Norbert Gasch hat in seiner Theorie >Eine vollständige Interpretation< unter anderem folgende Idee: „Jetzt zeigt sich, dass sich diese Randbögen auch anders interpretieren lassen, und zwar als Mondwenden. … Geht man indessen davon aus, dass die auffällige runde Markierung, allgemein als Sonne verstanden, das Zentrum der Betrachtung darstellt, wodurch man sich durch die Führung der oberen und unteren radialen Kanten der beiden Bögen auch veranlasst sehen kann, so ergeben sich zwei Winkel, die 109 und 66 Grad weit sind. Die mathematische Berechnung führt im Mittel zu einer geographischen Breite von 53,5 Grad, die refraktions- und parallaxenbereinigt etwa 52,6 Grad Nord ergibt. Winkel dieser Größe kennt man auch aus Stonehenge, 51,2 Grad nördlicher Breite. Dort markieren sie in einer Größe von 102 und 61 Grad die Abstände der Mondauf- und Untergangspunkte zu den Zeiten der großen und kleinen Mondwenden.“ [5]

Beide Berechnungen der geographischen Breite können nur ein ungefähres Ergebnis liefern, da die Höhe des Horizontrandes mit eingerechnet werden muss. Doch bisher wissen wir nicht wo die Himmelsscheibe von Nebra tatsächlich gefertigt wurde und auf welcher Höhe der Beobachtungsort liegt. Es könnte sein, dass am Beobachtungsort Hügel oder Berge den Horizont unterschiedlich erhöht haben, wodurch sich eine der Breitengradberechnung leicht verändern würde.

„Der Mond wandert, ähnlich wie die Sonne, täglich von Ost über Süd nach West. Jedoch durchläuft er den gesamten Pendelbogen aller Auf- und Untergangsorte, den die Sonne halbjährlich zwischen den zwei Sonnenwenden abschreitet, bereits halbmonatlich zwischen den Extremständen der sogenannten Mondwenden. Die Mondwendeorte liegen in der Nähe der Sonnenwendeorte, jedoch verändern sie sich systematisch über einen Zeitraum von 18,61 Jahren. In manchen Jahren übersteigt der Mond in seinem nördlichsten Aufgang den Ort des Mittsommeraufgangs um bis zu 10° nach Norden und im südlichsten Aufgang den Ort des Mittwinteraufgangs um die entsprechende Spanne nach Süden. Sein Pendelbogen übertrifft dann den Pendelbogen der Sonnenaufgänge deutlich und man spricht von den >Großen Mondwenden<. In anderen Jahren jedoch erreicht er die Wendemarken der Sonne in seinem monatlichen Wendezyklus dagegen nicht. Dann ist sein Pendelbogen kleiner als der der Sonne und man spricht von den >Kleinen Mondwenden<.“ [6]

– Wir stellen fest, dass sich, wenn wir unsere bisherige Interpretation fortsetzen, der Standort des Beobachters auf der Himmelsscheibe geändert hat! Zuvor haben wir gedanklich im Mittelpunkt der Nord-Süd- und Ost-West-Achse gestanden, zur Beobachtung der Mondwenden sind wir in den Mittelpunkt der goldenen Kreisscheibe >gewandert<. Wir haben die Erde mit dem Horizontkreis um uns herum verlassen, sehen aber die Mondwenden trotzdem mit den entsprechenden Blickwinkeln für denselben Breitengrad, also nicht vom Mond oder der Sonne aus! Symbolisiert die Kreisscheibe nun auch die Erde?

– Die Beobachtung der Sonne ist schon durch die nur etwa 30 Kilometer östlich von Nebra gefundene Kreisgrabenanlage von Goseck, für etwa 4800 v.Chr., belegt.

Die Angaben der korrekten Winkel der Mondwenden bezeugt nun, dass in der Frühbronzezeit, neben den sichtbaren Lichtgestalten des Mondes und seinem Standort in der Nähe eines bestimmten Sternbildes, auch die Mondbewegungen am Horizont studiert wurden. Die Aunjetitzer in Mitteldeutschland kannten demnach nicht nur die synodischen und siderischen Mondphasen (4,5 Tage alte Sichel und sie steht wieder in der Nähe der Plejaden), sondern sie hatten auch die absoluten Extremstellungen des Mondes markiert. Von der Kleinen bis zur Großen Mondwende vergehen 9,3 Jahre und bis der Mond wieder denselben Wendepunkt erreicht 18,6 Jahre. Die Sonne hingegen sucht jährlich dieselben Sonnenwendpunkte auf.
Es liegt also nahe, dass die Astronomen daraufhin auch die Bewegungen von Sonne und Mond im zeitlichen Ablauf miteinander verglichen haben könnten!

Da für die beiden großen Kreiselemente verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zutreffen, die sich gegenseitig widersprechen, scheinen nun auch die Randbögen eine doppelte Bedeutung zu haben.

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[1] WUNDERLICH, Christian-Heinrich. 2005. Vom Bronzebarren zum Exponat – Technische Anmerkungen zu den Funden von Nebra. Der geschmiedete Himmel. Herausgeber Harald Meller.
[2] Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt,
Rohstoffherkunft. http://www.lda-lsa.de/nc/de/himmelsscheibe_von_nebra/naturwissenschaftliche_untersuchungen/rohstoffherkunft/?sword_list[0]=rohstoffherkunft
[3]
SCHLOSSER, Wolfhard. 2005. Die Himmelsscheibe von Nebra – Astronomische Untersuchungen. Der geschmiedete Himmel. Herausgeber Harald Meller.
[4] GRÄNZER,
Harald. Das goldene Tor der Ekliptik. http://www.analogika.info/nebra/interpret.html
[5]
GASCH, Norbert. Eine vollständige Interpretation. http://www.astronomie.de/bibliothek/artikel-und-beitraege/himmelsscheibe-von-nebra/eine-astronomische-interpretation/
[6] STEINRÜCKEN, Burkhard.
Mondwenden.
http://sternwarte-recklinghausen.de/astronomie/astronomie-im-alten-europa/#10

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